Samstag, 19. November 2016

Die Zaubergeige Fortsetzung 5





Arne liegt in seinem Bett, die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrt zur Decke.
Von unten hört er das Brüllen seines Vaters und die klagende, jammernde Stimme seiner Mutter.
Sie streiten mal wieder.
Arne ist das egal.
Schon lange hört er nicht mehr hin.
Was ihn nicht schlafen lässt, ist sein schlechtes Gewissen.
Immer wieder sieht er das mit Tränen überströmte Gesicht von Pascal vor sich und hört seine anklagenden Worte.
Das hatte er nicht gewollt!
Warum hasst du mich so!“ hatte Pascal geschrien.
Arne presst die Lippen zusammen um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
Weinen ist unmännlich !“ hatte sein Vater gebrüllt, als er ihn geschlagen hatte und Arne losheulte.
Seitdem hat er keine Träne mehr vergossen.
Wie war es nur soweit mit ihm gekommen?
Von Anfang an hat er Pascal gehasst, als er zum ersten Mal in die Schule kam und vom Lehrer vorgestellt wurde.
Er wirkte so freundlich und jeder hatte ihn sofort gemocht.
Ihn Arne mochten ja nicht einmal seine eigenen Eltern.
Und in der Schule konnte er sich nur durchsetzen, weil er kräftig war und die anderen ihn ein wenig fürchteten.


Und Rudi und Andreas waren eigentlich auch keine richtigen Freunde, das hatte sich jetzt gezeigt, als sie einfach weg liefen und ihn und Pascal allein mit der kaputten Geigen ließen. Dabei hatten sie doch auch mitgemacht.
Nein! Er, Arne hatte sie angestiftet und er allein trug auch die Schuld.
Er wollte es dem Muttersöhnchen zeigen.
Ja, oft hatte er beobachtet, wie liebevoll die Eltern zu Pascal waren und wie oft die Mutter ihn in den Arm nahm.
Ihn hatte seine Mutter noch nie in den Arm genommen, immer nur beschimpft und manchmal erwischte er sie dabei, wie sie ihn ansah, als wäre er ein lästiges Insekt.
Erschrocken keucht Arne auf.
Er war eifersüchtig auf Pascal!
Auf seine guten Noten, auf die Liebe seiner Eltern und auf sein wunderbares Talent.
Wie schön hat Pascal bei der Weihnachtsfeier gespielt.
Es hatte ihm gefallen, aber der Neid und Hass haben das nicht zugelassen und so hat er sich immer wieder Gemeinheiten ausgedacht, um den Jungen zu ärgern.
Und nun hatten dieser Neid und Hass ihn dazu getrieben die Geige zu zerstören.
Nein das hatte er nicht gewollt!
Arne schämt sich.
Was war nur aus ihm geworden?
Er war schlecht und gemein und ein Versager, wie seine Eltern ihm es immer vorwarfen.
Er war so wütend an diesem Tag gewesen.
Als er die Probe mit der Fünf auf den Tisch legte zum Unterschreiben, hatte sein Vater gebrüllt, er hätte einen Versager in die Welt gesetzt!
Und seine Mutter kreischte, genau wie sein Vater und wenn sie damals nicht schwanger gewesen wäre, hätte sie ihn niemals geheiratet.
Und schon waren sie wieder im schönsten Streit.
Arne hatte das Haus verlassen, sie haben es nicht einmal bemerkt.
In ihm aber war soviel Wut, Hass und Verzweiflung und da kam Pascal daher und irgendwie ist dann alles aus dem Ruder gelaufen.
Arne hält es nicht länger im Bett aus, er zieht sich an und springt aus dem Fenster.
Schneidende Kälte umfasst ihn.
Die Hände tief in den Taschen vergraben, den Kopf eingezogen stapft er durch den Schnee.



Sein Weg führt ihn zu den Klippen.
Dort zieht es ihn immer hin, wenn er vor Kummer nicht mehr weiter weiß.
Er lehnt sich an den Felsen und betrachtet den sternenklaren Himmel.
Er spürt die Kälte nicht mehr und dann legt er den Kopf auf die Knie und weint, wie er noch nie in seinem Leben geheult hat.
Und all die Verzweiflung und der Hass von vielen Jahren löst sich und er fühlt, wie die Kruste um sein Herz sich auflöst und er nichts weiter ist als ein verzweifelter kleiner Junge.
Und dann weiß er, was er zu tun hat.
Morgen würde er zum Vater von Pascal gehen und ihm anbieten eine neue Geige zu kaufen. 

Morgen geht es weiter 

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